Inhaltsverzeichnis

Willkommen

Willkommen im Universum meiner Dubliner Fälle.

In Irland gibt es viele besondere Orte mit einem eigenen, starken Kraftfeld. Solche Schauplätze inspirieren mich zu meinen Kriminalromanen. Und natürlich die Menschen, deren Leben sich durch Mord für immer verändert: Opfer, Täter, Ermittler und Angehörige. Hier können Sie ihnen begegnen – den Figuren, den Orten, den Verbrechen.

Ihre Tana French

Grabesgrün

Erhältlich als

Taschenbuch
Preis € (D) 8,95
ISBN: 978-3-596-17542-0

Hörbuch
Erschienen beim Argon Verlag
Preis € (D) 12,95
ISBN 978-3866108578

Wer bringt ein kleines Mädchen um und bahrt es auf dem Opferaltar einer Ausgrabungsstätte auf? Jede Spur, die die beiden jungen Dubliner Ermittler Rob Ryan und Cassie Maddox verfolgen, führt sie nur tiefer in ein Dickicht, in dem sich alle Gewissheiten in ihr Gegenteil verkehren. Und keiner darf erfahren, dass Rob vor vielen Jahren selbst etwas Furchtbares erlebt hat – im Wald bei ebenjener Ausgrabungsstätte.

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Totengleich

Erhältlich als

Taschenbuch
Preis € (D) 8,95
ISBN: 978-3-596-17543-7

Hardcover
Preis € (D) 16,95
ISBN: 978-3-502-10192-5

Hörbuch
Erschienen beim Argon Verlag Preis € (D) 12,95
ISBN: 978-3-8398-9026-4

Als die junge Polizistin Cassie Maddox in ein verfallenes Cottage außerhalb von Dublin gerufen wird, schaut sie ins Gesicht des Todes wie in einen Spiegel: Die Ermordete gleicht ihr bis aufs Haar. Wer ist diese Frau? Wer hat sie niedergestochen? Und hätte eigentlich Cassie selbst sterben sollen? Keine Spuren und Hinweise sind zu finden, und bald bleibt nur eine Möglichkeit: Cassie Maddox muss in die Haut der Toten schlüpfen, um den Mörder zu finden. Ein ungeheuerliches Spiel beginnt.

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Sterbenskalt

Erhältlich als

Jetzt auch als Taschenbuch
Preis € (D) 9,99
ISBN: 978-3-596-18834-5

Hardcover
Preis € (D) 16,95
ISBN: 978-3-502-10216-8

Hörbuch
Erschienen beim Argon Verlag Preis € (D) 12,95
ISBN: 978-3-8398-9112-4

Frank Mackey, Undercover-Ermittler, hat seine Familie seit 22 Jahren nicht gesehen. Die vier Geschwister, den trinkenden, gewalttätigen Vater, die ruppige Mutter. Er wollte der Armut und Perspektivlosigkeit seines Viertels für immer entfliehen – zusammen mit seiner ersten großen Liebe Rosie. Doch die hatte ihn versetzt und war allein nach England aufgebrochen, so hat Frank es jedenfalls immer gedacht. Bis Rosies Koffer und ihre Fährtickets in dem alten Abbruchhaus in der Straße seiner Kindheit gefunden werden. Frank muss zurück nach Faithful Place – und feststellen, dass er diesen dunklen Ort immer in sich getragen hat.

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Schattenstill

Erscheint am 06. Juni 2012!

Erhältlich als

Hardcover
Preis € (D) 16,99
ISBN: 978-3-502-10223-6

Hörbuch
Erscheint beim Argon Verlag Preis € (D) 19,95
ISBN: 978-3-8398-1137-5

Broken Harbour, eine windgepeitschte Geisterstadt voller Bauruinen nördlich von Dublin: In einem der wenigen bewohnten Häuser wird eine junge Familie aufgefunden – die Eltern brutal niedergestochen, die beiden kleinen Kinder erstickt. In den Wänden ihres hübsch eingerichteten Häuschens klaffen rätselhafte Löcher. Detective Mike Kennedy ist überzeugt, dass er den Fall lösen wird, schließlich arbeitet niemand in der Mordkommission so effektiv wie er. Doch Broken Harbour entpuppt sich als erbarmungsloser Abgrund, der auch ihn zu verschlingen droht …

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Grabesgrün

Grabesgrün

Teil 1 – Sehen

Tana French am Schauplatz ihre Debütromans ›Grabesgrün‹: ein dichter Wald, in dem vor zwanzig Jahren Kinder verschwunden sind. Jetzt ist dort ein Mord geschehen. Und der Ermittler kennt den Ort besser, als ihm lieb ist.

Grabesgrün

Grabesgrün

Teil 2 Lesen

Stellt euch einen Sommer vor wie aus einem Fünfzigerjahre-Kinderfilm in ländlicher Kulisse. Er ist weit entfernt von Irlands kaum zu unterscheidenden Jahreszeiten, die für den Gourmetgaumen angerührt werden, keine Aquarelltöne mit einer Prise Wolken und weichem Regen. Nein, dieser Sommer ist vollmundig und verschwenderisch in einem warmen klaren Siebdruckblau. Dieser Sommer explodiert auf der Zunge und schmeckt nach Grashalmen, eurem eigenen sauberen Schweiß, nach Doppelkeksen, aus denen die Cremefüllung quillt, und geschüttelten Flaschen roter Limonade, dem klassischen Baumhauspicknick. Er prickelt euch auf der Haut, wie der BMX Fahrradwind im Gesicht, wie Marienkäferbeinchen auf den Armen. Er erfüllt jeden Atemzug mit frisch gemähtem Gras und wehender Wäsche an der Leine. Er klingelt und sprudelt über vor Vogelgezwitscher, Bienen, Blättern und hüpfenden.

Fußbällen und Abzählreimen, Eins! Zwei! Drei! Dieser Sommer wird nie enden. Er beginnt jeden Tag mit dem Klingeln des Eiswagens und eurem besten Freund, der an die Tür klopft, beendet ihn mit einer langen, gemächlichen Dämmerung und den Silhouetten eurer Mütter, die euch von der Haustür aus über die Balzrufe der Fledermäuse hinweg zum Abendessen rufen. Es ist der Ewigsommer in all seiner schönsten Pracht.

Stellt euch einen ordentlichen kleinen Irrgarten von Häusern auf einem Berg vor, nur wenige Meilen von Dublin entfernt. Irgendwann, so verkündet die Regierung, wird daraus ein florierendes Vorstadtwunder werden, eine perfekt geplante Lösung für drängende Enge und Armut und überhaupt jedes städtische Übel. Vorläufig besteht das Ganze jedoch bloß aus einer Handvoll geklonter Doppelhäuser, die noch so neu sind, dass sie sich verschreckt und linkisch an den Hang klammern. Während die Regierung von McDonald’s und Multiplexkinos tönte, haben ein paar junge Familien – die den Mietskasernen und Außenklos entfliehen wollten, die von großen Gärten und Spielstraßen für ihre Kinder träumten oder sich mit einem Lehrer- oder Busfahrergehalt ein bescheidenes Eigenheim geleistet hatten – Kisten gepackt und sind über einen schmalen Feldweg mit einem Streifen Gras und Gänseblümchen in der Mitte zu ihrem strahlenden Neuanfang geholpert.

Das ist zehn Jahre her, und das diffuse Neonlichtflimmern von Ladenketten und Stadtteilzentren, das unter der Überschrift »Infrastruktur« herbeigeredet wurde, ist bislang ausgeblieben; nur dann und wann wettern Hinterbänkler im Parlament gegen angeblich zwielichtige Grundstücksgeschäfte. Noch immer lassen Farmer ihre Kühe auf der anderen Straßenseite weiden, und auf den benachbarten Hängen schaltet die Nacht nur eine magere Ansammlung von Lichtern ein. Hinter der Siedlung, wo die Zukunftspläne das Einkaufszentrum und den hübschen kleinen Park vorsehen, breiten sich eine Quadratmeile und Gott weiß wie viele Jahrhunderte Wald aus.

Kommt näher, folgt den drei Kindern, die über die dünne Membran aus Stein und Mörtel klettern, die den Wald von den Doppelhäusern fernhält. Ihre vorpubertären Körper sind stromlinienförmig und unverkrampft, wie leichte Flugapparate. Weiße Tattoos – ein Blitz, ein Stern, ein A – leuchten an den Stellen, wo die zurechtgeschnittenen Pflaster geklebt haben und die Sonne nicht hinkam. Eine Fahne aus weißblondem Haar flattert: einen Fuß aufgesetzt, ein Knie gegen die Mauer, rauf und drüber und weg.

Der Wald ist lauter Geflimmer und Gemurmel und Illusion. Seine Stille ist eine pointillistische Verschwörung aus Millionen winziger Laute – Rascheln, Flattern, namenlose abgehackte Schreie. In seiner Leere wuselt heimliches Leben, huscht immer knapp außerhalb des Blickfeldes vorbei. Vorsicht: Bienen schwirren in den Spalten im Stamm der gebeugten Eiche. Bleibt stehen und dreht einen x-beliebigen Stein um, und seltsame Larven ringeln sich gereizt, während ein emsiges Band aus Ameisen sich an eurem Knöchel hinaufwindet. In dem verfallenen Turm einer verlassenen Festung klammern sich Brennnesseln so dick wie euer Handgelenk zwischen den Steinen fest, und im Morgengrauen holen Kaninchen ihre Jungen unter dem Fundament hervor, damit sie sich auf alten Gräbern tummeln können.

Diesen drei Kindern gehört der Sommer. Sie kennen den Wald so gut wie die Kraterlandschaft ihrer aufgeschürften Knie. Stellt sie mit verbundenen Augen in irgendeine Mulde oder auf eine Lichtung, und sie fänden ohne einen Fehltritt den Weg hinaus. Das ist ihr Reich, und sie regieren es wild und gebieterisch wie junge Tiere. Sie klettern auf seine Bäume und spielen in seinen Winkeln Verstecken, den ganzen endlosen Tag lang und die ganze Nacht in ihren Träumen.

Sie stürmen in Legenden hinein, in Gutenachtgeschichten und Albträume, die Eltern wohl niemals hören werden. Die schmalen, vergessenen Pfade hinunter, die ihr niemals allein finden würdet, sie toben um die zerfallenen Steinmauern herum und ziehen Rufe und Schnürsenkel hinter sich her wie Kometenschweife. Und wer ist das da, der am Flussufer wartet, die Hände in den Weidenzweigen, dessen Lachen schwankend von den hohen Zweigen fällt, wem gehört das Gesicht im Unterholz, aus Licht und Laubschatten, das ihr aus den Augenwinkeln seht und das einen Wimpernschlag später wieder verschwunden ist?

Diese Kinder werden nicht heranwachsen, nicht in diesem Sommer und in keinem anderen. Dieser August wird sie nicht auffordern, versteckte Reserven an Stärke und Mut zu mobilisieren, um sich der komplizierten Erwachsenenwelt zu stellen und danach trauriger und weiser und in lebenslanger Freundschaft verbunden zu sein. Dieser Sommer hat andere Pläne für sie.

Grabesgrün

Grabesgrün

Teil 3 – Hören

Was weiß man über die Kinder von Knocknaree, die damals im Wald verschwunden sind? Detective Rob Ryan berichtet – als wäre er selbst nicht dabei gewesen …

Grabesgrün

Grabesgrün

Teil 4 – Lesen

Wenn Sie vermuten, dass ich Detective werden wollte, um das Geheimnis meiner Kindheit aufzuklären, dann liegen Sie falsch. Ich bin kein Don Quichotte. Ich habe die Akte einmal gelesen, an meinem ersten Tag, spät abends allein im Büro, im einsamen Licht meiner Schreibtischlampe (vergessene Namen hallten mir durch den Kopf wie Fledermäuse, während verblasste Kugelschreibernotizen bezeugten, dass Jamie ihre Mutter getreten hatte, weil sie nicht aufs Internat wollte, dass »gefährlich aussehende« Halbwüchsige abends öfter am Waldrand herumlungerten, dass Peters Mutter einen Bluterguss auf der Wange hatte), und danach nie wieder. Ich sehnte mich vielmehr nach diesen Rätseln, diesen fast unsichtbaren Strukturen, die wie Blindenschrift nur für den Eingeweihten lesbar sind. Die beiden Detectives vom Morddezernat, die damals in die Kleinstadt am Arsch der Welt kamen, waren wie Vollblutpferde, wie Trapezkünstler auf Hochglanz poliert. Sie spielten mit höchstem Einsatz, und sie waren Spezialisten auf ihrem Gebiet.

Das, was sie taten, war brutal, das wusste ich. Diese Menschen sind skrupellos. Dieses Beobachten mit kalten, wachsamen Augen, dieses behutsame Austarieren der Faktoren, bis der Selbsterhaltungsinstinkt eines Menschen zerbricht, das ist Grausamkeit in ihrer höchstentwickelten Form.

Bereits Tage bevor Cassie zu uns ins Dezernat kam, hatten wir von ihr gehört, wahrscheinlich schon, ehe ihr die Stelle überhaupt angeboten worden war. Unsere Gerüchteküche ist ungemein effizient. Die Arbeit im Morddezernat ist mit viel Druck verbunden, und wir sind nur zwanzig Leute. Sobald irgendein zusätzlicher Stressfaktor hinzukommt – einer geht, ein Neuer kommt, zu viel Arbeit, zu wenig Arbeit –, entsteht leicht eine Art kollektiver Hysterie, die sich in unübersichtlicher Cliquenbildung und hektischem Tratsch niederschlägt. Ich halte mich normalerweise aus so was raus, aber die Aufregung um Cassie Maddox war so unüberhörbar, dass selbst ich sie mitbekam. Erstens einmal war sie eine Frau, was ein gewisses Maß an schlecht verborgener Empörung auslöste. Wir sind alle darauf dressiert, die böse Saat des Vorurteils zu verabscheuen, doch es gibt nun mal den hartnäckigen Hang, den Fünfzigerjahren hinterherzutrauern (selbst bei Leuten meines Alters; in einem großen Teil Irlands endeten die Fünfziger erst 1995, als wir mit einem Satz in die Thatcher-Ära der Achtziger sprangen), als man einen Verdächtigen noch mit der Drohung, seiner Mummy alles zu erzählen, so einschüchtern konnte, dass er lieber ein Geständnis ablegte, als die einzigen Ausländer im Land Medizinstudenten waren und die Arbeit ein Refugium darstellte, wo man vor zänkischen Frauen sicher war. Cassie war erst die vierte Frau, die im Morddezernat anfing, und wenigstens eine von den anderen war ein Riesenfehler gewesen, der legendäre Dimensionen annahm, als sie sich und ihren Partner in Lebensgefahr brachte, weil sie die Nerven verlor und einem gestellten Verdächtigen ihre Dienstwaffe an den Kopf warf.

Außerdem war Cassie achtundzwanzig und hatte erst vor wenigen Jahren Templemore abgeschlossen. Das Morddezernat gehört zu den Elitedezernaten, in die niemand versetzt wird, der noch keine dreißig ist, es sei denn, er hat Beziehungen. Meistens verbringt man erst etliche Jahre als eine Art Springer, das heißt als Sonderfahnder für die Kleinarbeit bei aufwendigen Ermittlungen. Dann arbeitet man sich allmählich über andere Abteilungen nach oben. Cassie hatte nicht mal ein ganzes Jahr bei der Drogenfahndung vorzuweisen. Natürlich kursierte das Gerücht, sie würde entweder mit irgendwem von Einfluss ins Bett gehen, oder sie wäre seine uneheliche Tochter, oder – mit einer Spur mehr Originalität – sie hätte irgendein hohes Tier beim Drogenkauf erwischt und ihre Versetzung zu uns sei eine Art Schweigegeld.

Ich hatte keine Probleme mit dem Gedanken an Cassie Maddox. Ich war erst seit ein paar Monaten beim Morddezernat, aber mir missfielen die Machosprüche, das neidische Gerede über Autos und Aftershaves, die niveaulosen Witze, die mit dem Etikett »ironisch« gerechtfertigt wurden, was bei mir stets den Impuls auslöste, eine lange, oberlehrerhafte Definition des Begriffs Ironie vom Stapel zu lassen. Im Allgemeinen sind mir Frauen lieber als Männer.

Grabesgrün

Grabesgrün

Teil 5 – Hören

Die Detectives Rob Ryan und Cassie Maddox sind Partner. Und Freunde. Doch den Fall Knocknaree hätten sie niemals übernehmen dürfen …

 

Totengleich

Totengleich

Teil 1 – Sehen

Ein abgelegenes Herrenhaus, eine altehrwürdige Universität: Tana French vor den Toren der abgeschlossenen Welt des Opfers von ›Totengleich‹, in die auch die Ermittlerin tief hineingezogen wird.

Totengleich

Totengleich

Teil 2 Lesen

Dies ist Lexie Madisons Geschichte, nicht meine. Ich würde Ihnen gern die eine erzählen, ohne in die andere hineinzugeraten, aber das funktioniert nicht. Früher dachte ich, ich hätte uns eigenhändig an den Rändern zusammengenäht, den Faden festgezurrt, und ich könnte die Naht jederzeit wieder auftrennen, ganz nach Belieben. Jetzt denke ich, dass sie schon immer tiefer reichte und weiter, dass sie unterirdisch verlief, außer Sichtweite und völlig außerhalb meiner Kontrolle.

Mein Anteil ist jedoch klar: alles, was ich getan habe. Frank macht ausschließlich die anderen verantwortlich, in erster Linie Daniel, wohingegen Sam offenbar meint, es wäre auf seltsam spiegelverzerrte Weise Lexies Schuld. Wenn ich sage, dass es nicht so war, werfen sie mir einen Seitenblick zu und wechseln das Thema – ich habe allmählich das Gefühl, dass Frank denkt, ich hätte irgendeine schleichende Variante des Stockholm-Syndroms. So etwas kommt bei verdeckten Ermittlern tatsächlich vor, aber in diesem Fall nicht. Ich will niemanden schützen, es ist niemand mehr da, der geschützt werden könnte. Lexie und die anderen werden nie erfahren, dass man ihnen die Schuld gibt, und wenn, wäre es ihnen egal. Aber unterschätzen Sie mich nicht. Mag sein, dass jemand anderer die Karten ausgeteilt hat, aber ich habe sie vom Tisch genommen, ich habe jede Karte gespielt, und ich hatte meine Gründe.

Über Alexandra Madison müssen Sie vor allem eines wissen: Sie hat nie existiert. Frank Mackey und ich haben sie erfunden, vor langer Zeit, an einem strahlenden Sommernachmittag in seinem staubigen Büro auf der Harcourt Street. Er wollte Leute in einen Drogenring am University College Dublin, dem UCD, einschleusen. Ich wollte den Job, vielleicht mehr, als ich je irgendetwas im Leben gewollt hatte. Ich dachte mir den Namen aus – »So behältst du ihn besser«, sagte Frank. Madison, weil er ähnlich klingt wie mein eigener Nachname, so dass ich mich umdrehen würde, wenn ich ihn hörte, und Lexie, weil meine Phantasieschwester so hieß, als ich klein war. Frank entwarf ihren Lebenslauf für mich. »Sie ist ein Köder«, sagte er. Mehrere Monate war ich undercover als Lexie Madison an der Universität unterwegs, bis der führende Amphetamin-Süchtige am UCD paranoid wurde, mit einem Messer auf mich einstach und ich in ein anderes Dezernat wechselte.

Ich hatte seit Jahren nicht mehr an Lexie und ihr kurzes, schattenhaftes Leben gedacht. Ich bin nicht der Typ, der ständig über die Schulter nach hinten blickt, zumindest bemühe ich mich nach Kräften. Vorbei ist vorbei, sich etwas anderes vorzumachen ist Zeitverschwendung. Aber jetzt denke ich, ich habe immer gewusst, dass Lexie Madison Konsequenzen haben würde. Man kann nicht eine ganze Person erfinden, einen Menschen mit einem ersten Kuss und mit Humor und einem Lieblingssandwich, und dann erwarten, dass diese Person sich auflöst und wieder zu den Notizen und dem Kaffee mit einem Schuss Whiskey wird, wenn sie ausgedient hat. Ich glaube, ich habe immer gewusst, dass Lexie wiederkommen und nach mir suchen würde, eines Tages.

Sie brauchte vier Jahre.

Totengleich

Totengleich

Teil 3 – Hören

Detective Cassie Maddox wird an den Tatort gerufen – und sieht dem Tod ins Gesicht wie in einem Spiegel …

Totengleich

Totengleich

Teil 4 – Lesen

Sobald die Zeitungen ein Foto der Frau mit der Bitte um sachdienliche Hinweise brachten, würde eine Flut von Leuten, die mich als Lexie, sie als Lexie, mich als mich kannten, wissen wollen, wer tot war und wer wir beide gewesen waren, wenn nicht Lexie Madison, und es gäbe ein gewaltiges spiegelkabinettartiges Chaos. Ob Sie’s glauben oder nicht, da erst wurde mir klar, dass die Sache nicht einfach aus der Welt zu schaffen war, indem ich sagte: Ich kenne sie nicht, ich will sie nicht kennen, danke für den vertanen Morgen, bis dann mal.

»Sam«, sagte ich. »Kannst du mit der Veröffentlichung des Fotos vielleicht ein, zwei Tage warten? Nur bis ich ein paar Leute vorgewarnt habe.« Ich hatte keine Ahnung, wie ich das formulieren sollte. Weißt du, Tante Louisa, wir haben da eine tote Frau gefunden, und …

»Apropos«, sagte Frank, »das passt interessanterweise wunderbar zu meiner kleinen Idee.« In einer Ecke des Feldes lagen ein paar moosbewachsene Felsbrocken herum. Frank zog sich rückwärts auf einen drauf, blieb sitzen und baumelte mit einem Bein.

Ich kannte dieses Funkeln in seinen Augen. Es bedeutete stets, dass er gleich eindrucksvoll beiläufig mit etwas völlig Haarsträubendem herausrücken würde. »Was, Frank?«, sagte ich.

»Na ja«, setzte Frank an, lehnte sich bequem gegen den Felsen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf, »wir haben doch hier eine einmalige Gelegenheit, oder? Wäre jammerschade, die zu vertun.«

»Ach ja?«, sagte Sam.

»Wir?«, sagte ich.

»Aber ja. Menschenskind, ja.« Das riskante Grinsen umspielte bereits Franks Mundwinkel. »Wir haben die Chance«, sagte er ganz gemächlich, »wir haben die Chance, die Ermittlung in einem Mordfall von innen heraus zu führen. Wir haben die Chance, eine erfahrene Undercoverbeamtin direkt mitten hinein in das Leben eines Mordopfers zu schicken.«

Wir starrten ihn beide an.

»Wann hast du so was schon mal erlebt? Es ist wunderbar, Cassie. Es ist absolut genial.«

»Absolut bescheuert trifft es besser«, sagte ich. »Was zum Henker hast du vor, Frankie?«

Frank breitete die Arme aus, als wäre es das Einleuchtendste von der Welt. »Also. Du warst schon einmal Lexie Madison, stimmt’s? Du kannst sie wieder sein. Du kannst – nein, warte, lass mich ausreden –, wenn sie nicht tot ist, bloß verletzt, ja? Du kannst schnurstracks zurück in ihr Leben spazieren und da weitermachen, wo sie aufgehört hat.«

»Ach, du Schande«, sagte ich. »Deshalb keine Spurensicherung und keine Gerichtsmedizin? Deshalb sollte ich mich so dämlich verkleiden? Damit keiner merkt, dass du ein Double hast?« Ich zog mir die Mütze vom Kopf und stopfte sie zurück in den Rucksack. Das war selbst für Frank eine Blitzreaktion gewesen. Binnen Sekunden nach Eintreffen vor Ort musste ihm die Idee gekommen sein.

»Du kriegst Zugang zu Informationen, die kein Cop je bekommen würde, du kannst ganz dicht an jeden ran, dem sie nah war, du kannst Verdächtige identifizieren –«

»Sie wollen sie als Lockvogel benutzen«, sagte Sam allzu ruhig.

»Ich will sie als Detective benutzen, Mann«, sagte Frank. »Was sie schließlich auch ist, wenn ich mich nicht irre.«

»Sie wollen sie da reinschicken, damit der Täter zurückkommt und die Sache endgültig zu Ende bringt. Das nenne ich einen Lockvogel.«

Totengleich

Totengleich

Teil 5 – Hören

Weil sie Lexie Madison zum Verwechseln ähnlich sieht, wird Cassie Maddox in deren Leben eingeschleust – die Freunde des Opfers erwarten sie in dem alten Herrenhaus, in dem sie zusammenleben.

 

Sterbenskalt

Sterbenskalt

Teil 1 – Sehen

Tana French in einem traditionellen Arbeiterviertel im Herzen von Dublin – wohin der Protagonist von ›Sterbenskalt‹ eigentlich niemals mehr zurückkehren wollte.

Sterbenskalt

Sterbenskalt

Teil 2 Lesen

Im gesamten Leben zählen nur einige wenige Augenblicke. Meistens merkt man das erst im Nachhinein, wenn sie längst an einem vorbeigezischt sind: der Augenblick, in dem du beschlossen hast, das Mädchen anzusprechen, vor der unübersichtlichen Kurve abzubremsen, doch noch das Kondom hervorzuholen. Ich hatte Glück, könnte man wohl sagen. Ich bekam einen meiner entscheidenden Augenblicke voll und ganz mit und erkannte ihn als solchen. Ja, ich spürte den reißenden Sog meines Lebens um mich herumwirbeln, als ich in einer dunklen Winternacht oben am Faithful Place stand und wartete.

Ich war neunzehn, alt genug, um es mit der Welt aufzunehmen, und jung genug, um zig Dummheiten auf einmal zu machen, und sobald meine Brüder in jener Nacht fest eingeschlafen waren, schnallte ich meinen Rucksack um und schlich mit meinen Doc-Martens-Schuhen in der Hand aus unserem Zimmer. Ein Dielenbrett knarrte, und im Mädchenzimmer murmelte eine meiner Schwestern im Schlaf, doch ich war in jener Nacht unbesiegbar, ritt hoch auf der wogenden Brandung, nicht mehr aufzuhalten. Meine Eltern drehten sich auf der Ausziehcouch im Wohnzimmer nicht mal um, als ich so nah an ihnen vorbeischlich, dass ich sie hätte berühren können. Das Feuer im Ofen war zu einer säuselnden roten Glut heruntergebrannt. Im Rucksack befand sich alles Wichtige, was ich besaß: Jeans, T-Shirts, ein Transistorradio, das ich gebraucht gekauft hatte, hundert Pfund und meine Geburtsurkunde. Mehr brauchte man damals nicht, um rüber nach England zu fahren. Rosie hatte die Fahrkarten für die Fähre.

Ich wartete im Schatten oben an der Straße auf sie, am Rande des matten gelben Lichtkreises unter der Straßenlampe. Die Luft war kalt wie Glas, mit einem würzig rauchigen Hopfenduft von der Guinness-Brauerei. Ich trug drei Paar Socken in den Docs, und ich stopfte die Hände tief in die Taschen meines deutschen Armeeparkas und lauschte ein letztes Mal meiner Straße, die lebendig in der langsamen Strömung der Nacht trieb. Eine Frau lachte, Na, na, das hättest du wohl gern, ein Fenster wurde zugeknallt. Eine Ratte huschte an einer Mauer entlang, ein Mann hustete, ein Fahrrad zischte um die Ecke. Mad Johnny Malone redete in der Kellerwohnung von Nummer 14 mit einem tiefen zornigen Grollen im Schlaf. Ein Liebespaar irgendwo, gedämpftes Wimmern, Bumsgeräusche, und ich dachte an den Geruch von Rosies Hals und grinste zum Himmel hinauf. Ich hörte die Glocken der Stadt Mitternacht schlagen, Christ Church, St Pat, St Michan, wuchtige, runde Klänge, die vom Himmel herabfielen wie eine Feier, unser eigenes geheimes Neujahr einläuteten.

Als sie eins schlugen, hatte ich Angst. Eine Spur aus leisem Rascheln und Stampfen durch die Gärten, und ich machte mich bereit, doch sie kam nicht über die letzte Mauer geklettert. Wahrscheinlich schlich da jemand mit schlechtem Gewissen zu spät nach Hause, stieg durch ein Fenster. In Nummer 7 brüllte Sallie Hearnes jüngster Nachwuchs los, ein dünnes, hoffnungsloses Heulen, bis sie sich aus dem Schlaf quälte und ihm etwas vorsang. I know where I’m going …

Painted rooms are bonny …

Als die Glocken zwei schlugen, wurde mir das Missverständnis schlagartig klar, traf mich wie eine Ohrfeige. Sie katapultierte mich geradewegs über die Mauer in den Garten von Nummer 16, schon vor meiner Geburt verwahrlost und von uns Kindern trotz der schrecklichen Warnungen in Beschlag genommen, übersät mit Bierdosen und Zigarettenkippen und so mancher verlorenen Unschuld. Ich sprang die morsche Treppe hoch, immer vier Stufen auf einmal, ohne mich drum zu scheren, wer es hörte. Ich war mir so sicher, ich sah sie schon vor mir, zornige kupferrote Locken und Fäuste in die

Hüften gestemmt, Verdammt nochmal, wo bleibst du denn?

Geborstene Dielenbretter, Löcher im Putz, Schutt und kalte dunkle Zugluft und keine Menschenseele. Im oberen Wohnzimmer fand ich den Brief, bloß ein Blatt, aus einem Schulheft gerissen. Es lag auf dem nackten Fußboden, flatterte in dem bleichen Rechteck aus Licht, das durch das zerbrochene Fenster fiel, und sah aus, als hätte es dort schon seit hundert Jahren gelegen. In diesem Moment spürte ich, wie sich der reißende Sog veränderte, blitzschnell eine tödliche Wendung vollzog, viel zu stark, um dagegen anzukämpfen, und nicht mehr auf meiner Seite.

Ich nahm den Brief nicht mit. Als ich Nummer 16 wieder verließ, kannte ich ihn auswendig und würde den Rest meines Lebens versuchen zu glauben, was drinstand. Ich ließ ihn liegen und ging zurück ans Ende der Straße. Ich wartete dort im Schatten, beobachtete die Dampfwolken, die mein Atem im Laternenlicht aufsteigen ließ, während die Glocken drei und vier und fünf schlugen. Die Nacht verblasste zu einem dünnen, traurigen Grau, und ein Milchkarren kam um die Ecke, rumpelte übers Kopfsteinpflaster in Richtung Molkerei, und ich wartete noch immer auf Rosie Daly oben am Faithful Place.

Sterbenskalt

Sterbenskalt

Teil 3 – Hören

Wofür sterben? Worauf gefasst sein? Frank Mackey, Undercover-Cop, macht klare Ansagen. Noch …

Sterbenskalt

Sterbenskalt

Teil 4 – Lesen

Ich ging mit meinem Handy auf den Balkon über dem dunklen Fluss und den schlierigen orangegelben Lichtern und dem unaufhörlichen Brummen der Verkehrsstaus, und rief Jackie an. Sie meldete sich beim ersten Klingeln. »Francis? Jesus, Maria und Josef, ich dreh hier langsam durch! Wo warst du denn?«

Sie hatte das Tempo auf ungefähr achtzig Meilen die Stunde gedrosselt. »Ich hab Holly abgeholt. Was ist denn los, Jackie?«

Hintergrundgeräusche. Noch nach all der Zeit erkannte ich Shays knappe bissige Stimme sofort. Ein einziger Laut von meiner Ma ließ mich schlucken.

»Ach Gott, Francis … Tu mir den Gefallen und setz dich hin, ja? Oder hol dir ein Glas Brandy oder so.«

»Jackie, ich schwöre dir, wenn du mir nicht sofort sagst, was los ist, komm ich rüber und erwürge dich.«

»Moment, immer mit der Ruhe …« Eine Tür wurde geschlossen. »So«, sagte Jackie in plötzlicher Stille. »Also. Ich hab dir doch vor einer Weile erzählt, dass irgend so ein Typ die drei Häuser oben am Place gekauft hat? Um sie in Apartments umzubauen?«

»Ja.«

»Er macht jetzt doch keine Apartments draus, wo keiner weiß, was mit den Immobilienpreisen wird. Er lässt die Häuser vorläufig leer stehen und wartet ab, wie’s weitergeht. Also lässt er erst mal nur die Kamine und Stuckverzierungen und so ausbauen, um sie zu verkaufen – manche Leute zahlen gutes Geld für so was, wusstest du das? Alles Spinner. Und heute haben die Arbeiter in dem Haus gleich an der Ecke angefangen. Weißt du noch, das baufällige?«

»Nummer sechzehn.«

»Genau. Die haben die Kamine ausgebaut, und in einem haben sie einen Koffer gefunden.«

Dramatische Pause. Drogen? Schusswaffen? Bargeld? Jimmy Hoffa? »Verdammt, Jackie. Red endlich!«

»Es ist der von Rosie Daly, Francis. Es ist ihr Koffer.«

Die ganze Sinfonie aus Verkehrslärm verstummte jäh, wie ausgeschaltet. Die orangerote Glut am Himmel wurde wild und gierig wie ein Waldbrand, grell, außer Kontrolle.

»Nein«, sagte ich, »ausgeschlossen. Ich weiß nicht, wie zum Henker ihr darauf kommt, aber das ist absoluter Schwachsinn.«

»Francis, nun hör doch mal –«

Ihre Stimme triefte vor Sorge und Mitgefühl. Wenn sie bei mir gewesen wäre, hätte ich ihr, glaub ich, eine reingehauen. »Lass mich in Ruhe mit ›Francis, nun hör doch mal‹. Du und

Ma, ihr habt euch da wegen nichts und wieder nichts in irgendeine

Hysterie reingesteigert, und ich soll jetzt dabei mitmachen–«

»Hör zu. Ich weiß, dass dich das –«

»Oder das Ganze ist bloß ein Trick, um mich rüberzulocken.Ist es das, Jackie? Schwebt dir vielleicht eine große Familienversöhnung vor? Dann lass dir mal eins gesagt sein, das ist hier keine Vorabendserie, und solche Spielchen gehen nicht gut aus.«

»Hör auf, so einen Schwachsinn zu reden«, blaffte Jackie, »und reiß dich am Riemen. Wofür hältst du mich eigentlich? In dem Koffer ist eine Bluse, lila mit Paisleymuster, Carmel hat sie wiedererkannt –«

Ich hatte sie zigmal an Rosie gesehen, wusste, wie sich die Knöpfe unter meinen Fingern anfühlten. »Ja, so eine, wie sie jedes junge Mädchen hier in den Achtzigern getragen hat. Für ein bisschen Klatsch und Tratsch würde Carmel glatt Elvis beim Bummeln auf der Grafton Street wiedererkennen. Ich hätte dich für vernünftiger gehalten, aber anscheinend –«

»Und in die Bluse eingewickelt ist eine Geburtsurkunde. Rose Bernadette Daly.«

Sterbenskalt

Sterbenskalt

Teil 5 – Hören

Frank Mackey muss zurück zu seiner Familie nach Faithful Place – doch das ist kein Ort wie jeder andere …

 

Schattenstill

Schattenstill

Teil 1 – Sehen

Land in der Krise: Tana French in einer der vielen irischen Geistersiedlungen – Schauplatz des schrecklichen Verbrechens in ›Schattenstill‹.

Schattenstill

Schattenstill

Teil 2 Lesen

Damit eins von vornherein klar ist: Ich war genau der Richtige für diesen Fall. Sie würden sich wundern, wie viele von den Kollegen einen Riesenbogen darum gemacht hätten, wenn sie es sich hätten aussuchen können – und ich konnte es mir aussuchen, zumindest am Anfang. Ein paar von ihnen sagten es mir ganz off en: Lieber du als ich, Mann. Das hat mir nichts ausgemacht, nicht das Geringste. Die taten mir bloß leid.

Manche von ihnen sind nicht besonders scharf auf die spektakulären, publicity-trächtigen Fälle, bei denen es wirklich um was geht – zu viel Medienrummel, sagen sie, und zu viel Ärger, wenn du den Fall nicht aufklärst. Ich halte nichts von so einer negativen Einstellung. Wenn du Energie dafür verpulverst, dir vorzustellen, wie schmerzhaft der Absturz wäre, bist du schon halb unten. Ich konzentrier mich auf das Positive, und davon gibt’s reichlich: Du kannst ruhig so tun, als hättest du so was nicht nötig, aber jeder weiß, dass nur die fetten Fälle auch fette Beförderungen bringen. Ich sage: Her mit den Schlagzeilenfüllern, die Messerstechereien im Drogenmilieu könnt ihr von mir aus behalten. Wenn du keinen Druck aushalten kannst, bleib lieber auf Streife.

Manche Kollegen kommen nicht damit klar, wenn Kinder die Opfer sind, woran ja auch nichts auszusetzen wäre, bis auf eine Kleinigkeit: Wenn du keine wirklich schlimmen Mordfälle verkraftest, was zum Teufel hast du dann im Morddezernat zu suchen, wenn ich fragen darf? Ich wette, die Kollegen vom Dezernat für Urheberrechtsverletzungen hätten deinen sensiblen Hintern furchtbar gern mit an Bord. Ich hab schon alles erlebt: tote Babys, Ertrunkene, Lustmorde und einen von einer Schrotflinte weggepusteten Kopf, mit haufenweise Gehirnmasse an den Wänden, und ich kann trotzdem prima schlafen, solange die Arbeit gemacht wird. Irgendwer muss sie schließlich machen.

Wenn ich derjenige bin, dann wird sie wenigstens richtig gemacht.

Denn ich möchte noch etwas klarstellen, wo wir schon mal dabei sind: Ich bin verflucht gut in meinem Job. Das glaube ich noch immer. Ich bin seit zehn Jahren beim Morddezernat, und seit sieben Jahren, nachdem ich gelernt hatte, wie der Hase läuft, hab ich die höchste Aufklärungsrate in dem Laden. Dieses Jahr bin ich auf Platz zwei abgerutscht, aber die Nummer eins hatte eine Serie mit todsicheren Sachen, Fälle von häuslicher Gewalt, wo der Verdächtige sich praktisch selbst die Handschellen angelegt und sein Geständnis auf dem Silbertablett serviert hat. Ich dagegen hab die harten Nüsse erwischt, die Morde unter Junkies, wo kein Schwein irgendwas gesehen hat, und trotzdem war ich erfolgreich. Wenn unser Superintendent an mir gezweifelt hätte, auch nur ein klitzekleines bisschen, hätte er mich jederzeit von dem Fall abziehen können. Hat er aber nicht.

Ich will damit Folgendes sagen: In diesem Fall hätte alles wie ein Uhrwerk ablaufen müssen. Er hätte als leuchtendes Beispiel dafür, wie man alles richtig macht, in die Lehrbücher eingehen sollen. Allen Voraussetzungen nach hätte es der Traumfall sein müssen.

Schattenstill

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Teil 3 – Hören

Detective Mike Kennedy erfährt, was in Broken Harbour geschehen ist. Es geht um mehr als nur einen Toten …

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Teil 4 – Lesen

Ich halte viel von Siedlungsbauprojekten – wer will, kann von mir aus die Bauunternehmer und ihre handzahmen Banker und Politiker für diese Rezession verantwortlich machen, aber Tatsache ist, wenn die nicht geklotzt statt gekleckert hätten, wären wir aus der letzten gar nicht erst rausgekommen. Wenn tagtäglich ein Wohnblock hochgezogen wird, voll mit Leuten, die jeden Morgen zur Arbeit gehen und dieses Land in Schwung halten und dann nach Hause in ihre selbstverdienten eigenen vier Wände zurückkehren, ist mir das tausendmal lieber als eine Wiese, die keinem was nützt außer vielleicht ein paar Kühen. Orte sind wie Haie: Wenn sie nicht in Bewegung bleiben, sterben sie. Aber jeder hat einen Ort, von dem er gern glaubt, dass er sich nie verändern wird.

Ich kannte Broken Harbour mal wie meine Westentasche, als ich ein magerer kleiner Junge war, mit von der Mutter geschnittenen Haaren und geflickten Jeans. Die jungen Leute von heute sind während des Wirtschaftsbooms mit Urlaub im Süden aufgewachsen, zwei Wochen an der Costa del Sol sind für sie das absolute Minimum, aber ich bin zweiundvierzig, und unsere Generation hatte niedrige Erwartungen. Ein paar Tage an der Irischen See in einem gemieteten Wohnwagen, das war schon mehr, als die meisten sich leisten konnten.

Broken Harbour war damals der Arsch der Welt. Ein Dutzend vereinzelte Häuser voll mit Familien, die Whelan oder Lynch hießen und schon seit Beginn der Evolution da waren, ein Laden namens Lynch’s und ein Pub namens Whelan’s und eine Handvoll Wohnwagenstellplätze, bloß einen kurzen Sprint mit nackten Füßen über weiche Sanddünen und durch büscheliges Schilfgras zum cremefarbenen Streifen Strand. Jeden Juni verbrachten wir zwei Wochen dort, in einem rostigen Vierbettenwohnwagen, den mein Dad ein Jahr im Voraus buchte. Geri und ich kriegten die oberen Betten; Dina musste unten schlafen, bei meinen Eltern. Geri hatte die erste Wahl, weil sie die Älteste war, aber sie wollte immer die Seite landeinwärts, damit sie die Ponys auf der Weide hinter uns sehen konnte. Somit bot sich mir jeden Tag, wenn ich die Augen aufschlug, der Anblick von weißen Gischtstreifen und flinken langbeinigen Vögeln, die über den Sand flitzten, und das alles glitzernd im frühen Morgenlicht.

Bei Tagesanbruch waren wir drei auch schon aus den Federn und gingen nach draußen, in jeder Hand eine Scheibe Brot mit Zucker. Wir spielten den ganzen Tag Piraten mit den Kindern aus den anderen Wohnwagen, und unsere Haut wurde sommersprossig und pellte sich vom Sand und vom Wind und von der Sonne, wenn sie sich denn mal blicken ließ. Zum Abendessen briet meine Mutter Spiegeleier und Würstchen auf einem Campingkocher, und hinterher schickte mein Vater uns zu Lynch’s, wo wir für uns alle ein Eis kauften. Wenn wir zurückkamen, saß meine Mutter bei ihm auf dem Schoß, hatte den Kopf in seine Halsbeuge gelegt und blickte verträumt lächelnd hinaus aufs Wasser. Er wickelte sich dann ihre Haarsträhnen um die freie Hand, damit der Seewind sie nicht in ihr Eis wehte. Ich wartete das ganze Jahr darauf, die beiden so zu sehen.

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Teil 5 – Hören

Die Siedlung in Broken Harbour kündigt Mike Kennedy und seinem jungen Partner Richard Curran an, was sie zu erwarten haben: nichts Gutes …

 

Impressum

Das Erlebnisbuch stellt alle bisher erschienenen Titel der Bestsellerautorin Tana French multimedial vor und macht diese „erlebbar“– kurze Textauszüge wecken die Neugier, kleine Hörproben vermitteln einen ersten Eindruck über das Geschehen und die Autorin selbst stellt die Schauplätze Ihrer Kriminalromane vor!

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