Cecelia Ahern - Hundert Namen

Über das Buch

Inhalt

Ei­ne ge­heim­nis­vol­le Na­mens­lis­te ist al­les, was sie hat. Die Lis­te ist ein Ver­mächt­nis. Und ih­re ein­zi­ge Chan­ce ... Die jun­ge Jour­na­lis­tin Kit­ty Lo­gan ist am Tief­punkt: Durch ei­nen schwe­ren pro­fes­sio­nel­len Feh­ler hat sie fast das Le­ben ei­nes Men­schen zer­stört. Und da­mit auch ih­ren ei­ge­nen Ruf, ih­re Kar­rie­re und den Glau­ben an sich selbst. Da bit­tet ih­re Men­to­rin sie, ei­nen Ar­ti­kel für sie zu über­neh­men. Und auf ein­mal steht Kit­ty da mit ei­nem Ab­ga­be­ter­min und ei­ner Lis­te mit hun­dert Na­men. Hun­dert Men­schen, über die nie­mand et­was weiß ...

Erhältlich als

Hardcover
Preis € (D) 16,99
ISBN: 978-3-8105-0148-6

Hörbuch
Erschienen beim Argon Verlag
Preis € (D) 19,95
ISBN 978-3-8398-1173-3


Buch kaufen

Illustratorin des Covers

Jedes Buch von Cecelia Ahern ist ein ganz besonderes Kunstwerk – und erhält deshalb auch seinen Umschlag von besonderen Künstlern. Die Illustratorin des Covers von ›Hundert Namen‹ Martha von Maydell aus Berlin erschafft mit Cutter und unterschiedlichen Papieren ihre dekorativen und phantasievollen »Papercuts«-Welten.





Über die Autorin



© Gaby Gerster


Ce­ce­lia Ahern ist ei­ne der er­folg­reichs­ten Au­to­rin­nen welt­weit. Sie wur­de 1981 in Ir­land ge­bo­ren und stu­dier­te Jour­na­lis­tik und Me­di­en­kom­mu­ni­ka­ti­on am Du­b­li­ner Grif­fith Col­le­ge (BA- Ab­schluss 2002). Mit ge­ra­de ein­mal 21 Jah­ren schrieb sie ih­ren ers­ten Ro­man, der sie so­fort in­ter­na­tio­nal be­rühmt mach­te: ›P.S. Ich lie­be Dich‹, ver­filmt mit Hi­la­ry Swank. Da­nach folg­ten Jahr für Jahr wei­te­re Welt­best­sel­ler in Mil­lio­nen­aufla­ge: ›Für im­mer vi­el­leicht‹, ›Zwi­schen Him­mel und Lie­be‹, ›Ver­miss mein nicht‹, ›Ich hab dich im Ge­fühl‹, ›Zeit dei­nes Le­bens‹, ›Ich sch­reib dir mor­gen wie­der‹, ›Ein Mo­ment fürs Le­ben‹, ›So­lan­ge du mich siehst‹,›Hun­dert Na­men‹. Die ide­en­sprüh­en­de Au­to­rin wur­de für ihr Werk mehr­fach aus­ge­zeich­net, sch­reibt auch Thea­ter­stü­cke und Dreh­bücher und kon­zi­pier­te die TV-Se­rie ›Sa­man­tha Who?‹ mit Chris­ti­na Ap­p­le­ga­te. Ce­ce­lia Ahern lebt mit ih­rem Mann und ih­ren bei­den Kin­dern im Nor­den von Du­b­lin.

Jetzt lesen Impressum zur mobilen Version

Cecelia Ahern - Hundert Namen

Cecelia Ahern - Hundert Namen

Cecelia Ahern - Hundert Namen

Teil 1 - Lesen

Man nann­te sie den »Fried­hof«, denn kein Ge­heim­nis, kei­ne per­sön­li­che oder sonst wie ver­trau­li­che In­for­ma­ti­on, die man ihr an­ver­traut hat­te, kam je­mals wie­der zum Vor­schein. Bei ihr war al­les gut auf­ge­ho­ben, dar­auf konn­te man sich ver­las­sen, und man wuss­te auch, dass man nicht be­ur­teilt wur­de – und wenn doch, dann nur im Stil­len, so dass man es nie er­fuhr. Nicht nur ihr Vor­­­na­me – der Stand­haf­tig­keit und in­ne­re Stär­ke be­deu­te­te – pass­te per­fekt zu ihr, auch ihr Spitz­na­me traf ge­nau ins Schwar­ze; sie war sta­bil, zu­ver­läs­sig, un­er­schüt­ter­lich, aber gleich­zei­tig ei­gen­tüm­lich an­re­gend. Das al­les mach­te es um­so sch­lim­mer, sie an die­sem Ort be­su­chen zu müs­sen. Und es war wir­k­lich ei­ne Qual, nicht nur ei­ne psy­chi­sche Her­aus­for­de­rung; Kit­ty spür­te ei­nen kör­per­li­chen Sch­merz in der Brust, ge­nau­er ge­sagt im Her­zen, der mit dem Ge­dan­ken an­fing, dass sie sich dort­hin auf den Weg ma­chen muss­te, sich be­trächt­lich stei­ger­te, als sie an­ge­kom­men war, und noch hef­ti­ger wur­de durch das un­ver­blüm­te Wis­sen, dass dies al­les kein Traum war, kein fal­scher Alarm, son­dern das Le­ben in sei­ner ur­sprüng­lichs­ten Form. Denn es war das Le­ben selbst, das be­droht war, und ihm stand ei­ne si­che­re Nie­der­la­ge be­vor – ei­ne Nie­der­la­ge ge­gen den Tod.

Kit­ty durch­qu­er­te die Pri­vat­k­li­nik, aber sie nahm nicht den Auf­zug, son­dern die Trep­pe, bog ab­sicht­lich falsch ab und ließ bei je­der sich bie­ten­den Ge­le­gen­heit höf­lich an­de­ren Men­schen den Vor­trit­t – be­son­ders dann, wenn es sich um Pa­ti­en­ten han­del­te, die sich mit ei­ner Geh­hil­fe im Schne­cken­tem­po an ihr vor­bei­müh­ten oder ei­nen In­fu­si­ons­stän­der im Sch­lepptau hat­ten. Na­tür­lich war ihr be­wusst, dass sie neu­gie­ri­ge Bli­cke auf sich zog, woran zum ei­nen die Kri­se schuld war, in der sie zur­zeit steck­te, und zum an­de­ren die Tat­sa­che, dass sie schon wie­der­hol­te Ma­le zi­el­los durch die Sta­ti­on ge­wan­dert war. Je­dem, der sie an­sprach, wid­me­te sie so­fort ih­re gan­ze Auf­merk­sam­keit, und über­haupt tat sie al­les, um ih­re An­kunft in Con­stan­ces Zim­mer hin­aus­zu­zö­gern. Doch sch­ließ­lich grif­fen all ih­re Ver­zö­ge­rungs­st­ra­te­gi­en nicht mehr, denn sie lan­de­te in ei­ner Sack­gas­se, ei­nem halb­k­reis­för­mi­gen Kor­ri­dor, von dem vier Tü­ren ab­gin­gen. Drei da­von stan­den of­fen, so dass man die Pa­ti­en­ten und ih­re Be­su­cher se­hen konn­te, aber sie brach­te es nicht übers Herz hin­zu­schau­en. Aber das war so­wie­so nicht nö­t­ig, denn auch oh­ne die Zim­mer­num­mern er­ken­nen zu kön­nen, wuss­te sie ge­nau, in wel­chem Raum sich ih­re Freun­din und Men­to­rin be­fand. Sie war der ge­sch­los­se­nen Tür dank­bar für den letz­ten Auf­schub, den sie ihr ge­währ­te.

Sch­ließ­lich klopf­te sie lei­se und un­ver­bind­lich. Si­cher, sie woll­te den Be­such ma­chen, aber gleich­zei­tig hoff­te sie, dass nie­mand das Klop­fen hö­ren wür­de. Denn dann könn­te sie ein­fach wie­der ge­hen, brauch­te aber kein sch­lech­tes Ge­wis­sen zu ha­ben, denn sie hat­te es ja ver­sucht. Al­ler­dings wuss­te der win­zi­ge Teil in ihr, der im­mer noch ver­nünf­tig dach­te, dass es we­der rea­lis­tisch noch rich­tig war. Ihr klopf­te das Herz bis zum Hals, wäh­rend sie so vor der Tür stand und mit qu­iet­schen­den Schuh­soh­len von ei­nem Fuß auf den an­de­ren trat. Von dem Kran­ken­haus­ge­ruch war ihr schon ganz flau im Ma­gen. Sie hass­te Kran­ken­haus­ge­ruch. Ei­ne Wel­le von Übel­keit über­schwemm­te sie, und sie at­me­te tief durch und be­te­te um Fas­sung. Hof­f­ent­lich wür­den sich bald die an­ge­b­­li­chen Vor­zü­ge des Er­wach­sen­seins ein­s­tel­len, die ei­nen Men­schen da­zu be­fähig­ten, sol­che Mo­men­te bes­ser zu er­tra­gen. Noch wäh­rend sie da­mit be­schäf­tigt war, auf ih­re Fü­ße zu star­ren und tief ein- und aus­zu­at­men, ging die Tür auf, und sie war völ­lig un­vor­be­rei­tet kon­fron­tiert mit dem An­blick ei­ner Kran­ken­schwes­ter und ei­ner furcht­bar krank aus­se­hen­den Con­stan­ce. Kit­ty blin­zel­te ein­mal, blin­zel­te zwei­mal und wuss­te, dass sie sich spä­tes­tens beim drit­ten Mal un­be­dingt et­was ein­fal­len las­sen muss­te, weil es Con­stan­ce ga­ran­tiert nicht hel­fen wür­de, wenn Be­su­cher spon­tan und ehr­lich auf ihr Äu­ße­res rea­gier­ten. Doch so­sehr sie sich an­st­reng­te, sie brach­te kein Wort her­aus. Nichts Lus­ti­ges, nichts All­täg­li­ches, nichts Nich­ti­ges fiel ihr ein, das sie ih­rer Freun­din, die sie seit zehn Jah­ren kann­te, sa­gen konn­te.

»Ich hab die­se Frau noch nie im Le­ben ge­se­hen«, sag­te Con­stan­ce mit ih­rem fran­zö­si­schen Ak­zent, den man ihr auch nach fast drei­ßig Jah­ren in Ir­land noch im­mer an­hör­te. Ob­wohl sie so krank aus­sah, war ih­re Stim­me so stark und fest, so si­cher und un­be­irrt wie eh und je. »Ru­fen Sie doch bit­te rasch den Si­cher­heits­di­enst, da­mit er die Da­me aus dem Ge­bäu­de führt.«

Die Schwes­ter lächel­te, öff­ne­te die Tür noch ein Stück wei­ter und ging dann wie­der zu Con­stan­ce.

 

Cecelia Ahern - Hundert Namen

Cecelia Ahern - Hundert Namen

Teil 2 - Hören



Cecelia Ahern - Hundert Namen

Cecelia Ahern - Hundert Namen

Teil 3 - Lesen

„Du warst die Ein­zi­ge, die mir in die­sem Ge­spräch auf­rich­tig ge­stan­den hat, dass sie kei­ne Angst hat zu flie­gen, son­dern viel­mehr be­fürch­tet, es nicht zu kön­nen.“

Kit­ty schluck­te schwer, den Trä­nen na­he.

„Man­che Leu­te be­haup­ten, dass Angst kei­ne gu­te Mo­ti­va­ti­on zum Han­deln ist, aber wenn man kei­ne Angst hat, wo ist dann die Her­aus­for­de­rung? In Si­tua­tio­nen, in de­nen ich mei­ne Angst ak­zep­tiert und mich der Her­aus­for­de­rung ge­s­tellt ha­be, war mei­ne Ar­beit im­mer am er­trag­reichs­ten. Und als dann die­ses jun­ge Mäd­chen vor mir saß, das fürch­te­te, nicht flie­gen zu kön­nen, da ha­be ich ge­dacht: ‚Aha, das ist die Rich­ti­ge für uns.‘ Dar­um geht es doch bei Et­ce­te­ra. Na­tür­lich be­rich­ten wir über Po­li­tik, aber wir be­rich­ten auch über die Men­schen, die da­hin­ter ste­hen, wir in­ter­es­sie­ren uns für ih­re emo­tio­na­le Rei­se, nicht nur für ih­re Prin­zi­pi­en, wir wol­len hö­ren, wie sie zu ih­ren Über­zeu­gun­gen ge­kom­men sind, was sie er­lebt und wel­che Grün­de da­zu ge­führt ha­ben, dass sie an das glau­ben, wo­für sie jetzt ein­t­re­ten. Et­ce­te­ra wird dei­ne Ar­ti­kel wei­ter­hin ver­öf­f­ent­li­chen, Kit­ty – je­den­falls so­lan­ge du über das sch­reibst, was für dich wahr ist, und nicht über ir­gend­ein The­ma, von dem je­mand dir ein­re­det, dass es ei­ne su­per Ge­schich­te ist. Es geht dar­um, et­was Neu­es zu ent­de­cken, und nicht dar­um, das Al­te wie­der­zu­käu­en, um den Markt zu be­frie­di­gen.“

„Es war mei­ne Ge­schich­te“, sag­te Kit­ty lei­se. „Ich kann nie­mand an­de­rem die Ver­ant­wor­tung da­für in die Schu­he schie­ben.“

„An ei­ner Sto­ry sind im­mer meh­re­re Leu­te be­tei­ligt, nicht nur der Au­tor, und das weißt du auch. Aber wenn du Wert dar­auf legst, die gan­ze Schuld auf dich zu neh­men, dann frag dich doch mal, warum es dir so wich­tig war, die Ge­schich­te zu er­zäh­len.“ Sie mach­te ei­ne Pau­se, und Kit­ty war nicht si­cher, ob sie ant­wor­ten soll­te. Aber dann hat­te Con­stan­ce wie­der En­er­gie ge­sam­melt und fuhr fort: „Ich den­ke oft, dass ein Ar­ti­kel min­des­tens so viel über den Men­schen of­fen­bart, der ihn ge­schrie­ben hat, wie über das The­ma selbst. Auf der Jour­na­lis­ten­schu­le lernt man, dass man die ei­ge­ne Per­son beim Sch­rei­ben mög­lichst her­aus­hal­ten soll, weil man an­geb­lich nur dann un­vor­ein­ge­nom­men be­rich­ten kann, aber häu­fig müs­sen wir uns erst ein­mal in das The­ma hin­ein­ver­set­zen, um es über­haupt zu ver­ste­hen, um ei­ne Be­zie­hung da­zu zu krie­gen und dem Le­ser zu hel­fen, sich da­mit zu iden­ti­fi­zie­ren. Sonst fehlt dem Ar­ti­kel das Herz, und die Ge­schich­te könn­te ge­n­au­so gut von ei­nem Ro­bo­ter er­zählt wer­den. Aber das be­deu­tet nicht, dass man al­lem die ei­ge­ne Mei­nung ein­impft. Ich mei­ne da­mit, dass man sich al­len Aspek­ten ei­ner Ge­schich­te mit Ver­ständ­nis näh­ert und den Le­sern zeigt, dass hin­ter den Wor­ten im­mer auch ein Ge­fühl steht.“

Kit­ty woll­te lie­ber nicht dar­über nach­den­ken müs­sen, was es über sie selbst aus­sag­te, dass sie über die frag­li­che Ge­schich­te be­rich­tet hat­te. Am liebs­ten woll­te sie die gan­ze Ka­tastro­phe ein­fach ver­ges­sen, woll­te nie wie­der dar­über sp­re­chen müs­sen – was lei­der un­mög­lich war, da der Sen­der ver­klagt wor­den war und Kit­ty am nächs­ten Tag we­gen üb­ler Nach­re­de vor Ge­richt er­schei­nen muss­te.

Ihr Kopf dröhn­te, sie hat­te es satt, dar­über zu gr­übeln, hat­te es satt zu ana­ly­sie­ren, wie es ei­gent­lich da­zu ge­kom­men war. Aber plötz­lich spür­te sie das Be­dürf­nis, Bu­ße zu tun und sich für al­les zu ent­schul­di­gen, was sie je­mals falsch ge­macht hat­te, nur um sich nicht mehr ganz so wert­los zu füh­len.

„Ich muss dir was beich­ten.“

„Gern, ich lie­be Beich­ten.“

„Weißt du, als du mir da­mals den Job ge­ge­ben hast, war ich to­tal auf­ge­regt, und der ers­te Ar­ti­kel, den ich für dich sch­rei­ben woll­te, war tat­säch­lich der über die Rau­pe.“

„Wir­k­lich?“

Sie schau­te ih­re Freun­din an, die krank und ab­ge­ma­gert in ih­rem Bett lag und mit gro­ßen Au­gen zu ihr auf­blick­te. Ei­nen Mo­ment kämpf­te sie mit den Trä­nen. „Ich hab mich ge­irrt. Mit der Rau­pe, von der ich dir er­zählt ha­be. Aus der Ole­an­der­rau­pe wird doch ein Sch­met­ter­ling, ein Nacht­fal­ter ge­nau ge­nom­men, der Ole­an­der­schwär­m­er.“ Kit­ty kam sich hoch­gra­dig al­bern vor, weil sie aus­ge­rech­net jetzt wei­nen muss­te, aber sie konn­te nichts da­ge­gen ma­chen. Es war nicht die miss­li­che La­ge der Rau­pe, die sie so trau­rig mach­te, son­dern die Tat­sa­che, dass sie so sch­lecht re­cher­chiert hat­te, da­mals wie heu­te, und dass sie des­halb jetzt sol­chen Är­ger hat­te. „Der Sen­der hat mich su­s­pen­diert.“

„Die ha­ben dir ei­nen Ge­fal­len ge­tan. War­te, bis Gras über die Sa­che ge­wach­sen ist, dann kannst du wie­der los­le­gen.“

„Ich weiß nicht, ob ich das noch will. Ich ha­be Angst, dass ich wie­der ei­nen Feh­ler ma­che.“

„Das wird nicht pas­sie­ren, Kit­ty. Weißt du, wenn man ei­ne Ge­schich­te er­zäh­len will, wenn man sich – wie ich es ger­ne aus­drü­cke – auf die Su­che nach der Wahr­heit macht, dann muss man nicht auf Teu­fel komm raus ei­ne Lü­ge auf­de­cken oder ein welt­be­we­gen­des The­ma be­a­ckern – es geht ein­fach nur dar­um, zum Her­zen des­sen vor­zu­drin­gen, was real ist.“

Kit­ty nick­te und sch­nief­te lei­se. „Es tut mir leid – ich woll­te wir­k­lich nicht, dass sich al­les nur um mich dreht, wenn ich dich be­su­che.“ Sie sack­te auf ih­rem Stuhl zu­sam­men und leg­te den Kopf auf Con­stan­ces Bett, pein­lich be­rührt, weil Con­stan­ce sie so sah, weil sie sich so er­bärm­lich auf­führ­te, wo ih­re Freun­din doch krank war und viel wich­ti­ge­re Sor­gen hat­te.

„Schon gut, schon gu­t“, sag­te Con­stan­ce be­schwich­ti­gend und strich Kit­ty sanft über die Haa­re. „Das ist ein noch bes­se­res En­de, als ich mir ur­sprüng­lich ge­wünscht ha­be. Dann darf un­se­re ar­me Rau­pe al­so doch flie­gen.“

Als Kit­ty den Kopf hob, wirk­te Con­stan­ce auf ein­mal sehr er­sc­höpft.

„Bist du okay? Soll ich ei­ner Schwes­ter Be­scheid sa­gen?“

„Nein, nein. Ich wer­de nur manch­mal von jetzt auf gleich to­tal mü­de“, er­wi­der­te sie. „Ich ma­che sch­nell ein Ni­cker­chen, dann bin ich wie­der fit. Ich möch­te nicht, dass du gehst, wir müs­sen noch über so viel re­den. Zum Bei­spiel über Glen.“ Sie lächel­te schwach.

Kit­ty gab sich al­le Mühe, das Lächeln zu er­wi­dern. „Ja. Aber schlaf erst mal ei­ne Run­de“, flüs­ter­te sie. „Ich blei­be ein­fach hier sit­zen.“

 

Cecelia Ahern - Hundert Namen

Cecelia Ahern - Hundert Namen

Teil 4 - Hören



Cecelia Ahern - Hundert Namen

Cecelia Ahern - Hundert Namen

Teil 5 - Lesen

Es gab zu der Lis­te we­der ein Ex­posé noch Stich­wor­te und auch kei­ne Er­klär­ung, wer die­se Leu­te wa­ren oder wor­um es in dem Ar­ti­kel ge­hen soll­te. Sooft Kit­ty auch in den Um­schlag schau­te– da war nichts mehr.

»Was steht denn da?«, frag­te Pe­te, der das Schwei­gen nicht mehr aus­hielt.

»Es ist ei­ne Lis­te mit Na­men«, ant­wor­te­te Kit­ty ver­wirrt.

Die Na­men wa­ren or­dent­lich ge­tippt und von eins bis hun­dert durch­num­me­riert.

»Be­kann­te Na­men?«, frag­te Pe­te und reck­te sich so weit über den Tisch, dass er prak­tisch dar­auf lag.

Kit­ty schüt­tel­te den Kopf und kam sich schon wie­der vor wie ein Ver­sa­ger. »Vi­el­leicht kennt ihr sie ja«, ant­wor­te­te sie und schob das Pa­pier über den Tisch. Wie Löw­en auf ein Stück Frisch­f­leisch stürz­ten die an­de­ren sich dar­auf. Kit­ty be­o­b­ach­te­te ih­re Ge­sich­ter und hoff­te, dass sie et­was er­kann­ten, aber als die drei end­lich die Köp­fe ho­ben, sa­hen sie ge­n­au­so ver­wirrt aus wie Kit­ty. Ei­ner­seits er­leich­tert, an­de­rer­seits noch kon­fu­ser ließ Kit­ty sich auf ih­ren Stuhl zu­rück­s­in­ken. Hät­te sie wis­sen sol­len, was die­se Na­men be­deu­te­ten? Hat­te Con­stan­ce wo­mög­lich ein­mal mit ihr dar­über ge­spro­chen? Gab es ei­ne ver­steck­te Bot­schaft?

»Was ist sonst noch in dem Um­schlag?«, woll­te Pe­te wis­sen.

»Nichts.«

»Lass mich se­hen.«

Schon wie­der glaub­te er ihr nicht, und ab­sur­der­wei­se fing Kit­ty so­fort an, eben­falls an sich zu zwei­feln– ob­wohl sie doch schon zwei­mal nach­ge­schaut hat­te. Na­tür­lich stell­te auch Pe­te fest, dass kei­ne wei­te­ren In­for­ma­tio­nen in dem Um­schlag ent­hal­ten wa­ren, und warf ihn auf den Tisch zu­rück. Kit­ty nahm ihn has­tig an sich, als müss­te sie ihn be­schüt­zen.

»Hat sie sich vi­el­leicht ir­gend­wo No­ti­zen ge­macht?«, er­kun­dig­te sich Pe­te bei Bob. »Auf Pa­pier oder im Com­pu­ter? Vi­el­leicht hat sie ja ir­gend­was im Büro hin­ter­legt.«

»Wenn, dann be­stimmt un­ten«, ant­wor­te­te Bob und ließ den Blick er­neut über die Na­men schwei­fen. »Mei­ne lie­be Con­stan­ce, was in al­ler Welt hast du da­mit nur im Schil­de ge­führt?«

Kit­ty muss­te la­chen. Con­stan­ce hät­te die­se Si­tua­ti­on ge­liebt– wie sie sich al­le um die Lis­te dräng­ten und sich rat­los am Kopf kratz­ten. Und die Tat­sa­che, dass sie da­für ver­ant­wort­lich war, hät­te Con­stan­ce nur noch mehr amü­siert.

»Das ist wir­k­lich nicht lus­tig, Kit­ty«, mein­te Pe­te ta­delnd. »Das Fea­tu­re ist voll­kom­men sinn­los, wenn wir kei­ne Ge­schich­te von Con­stan­ce da­zu ha­ben.«

»Da bin ich an­de­rer Mei­nung«, wi­der­sprach Kit­ty, selbst über­rascht. »Es ist der letz­te Bei­trag, den Con­stan­ce für die Zeit­schrift vor­ge­schla­gen hat.«

»Mir wä­re es trotz­dem lie­ber, wenn wir auch Con­stan­ces Ge­schich­te ver­wen­den könn­ten«, be­harr­te Pe­te. »Ich möch­te, dass sie den Kern des Gan­zen bil­det. Wenn wir Con­stan­ces Ge­schich­te nicht ha­ben, weiß ich nicht, ob die Idee wir­k­lich et­was bringt.«

»Aber Con­stan­ces Ge­schich­te ist bloß ei­ne Lis­te mit Na­men«, sag­te Kit­ty und ver­lor wie­der ihr Selbst­ver­trau­en. Sie woll­te nicht, dass der Tri­but aus­sch­ließ­lich von ihr und ih­rer Fähig­keit ab­hing, zu ent­schlüs­seln, was die­se Lis­te be­deu­te­te. Die Zeit war knapp, und zu al­lem Über­fluss mach­te Kit­ty ge­ra­de ei­ne der sch­limms­ten Kri­sen ih­res Le­bens durch. Sie fühl­te sich aus­ge­laugt, und ihr Glau­be an sich selbst be­fand sich auf ei­nem ab­so­lu­ten Tief­punkt. »Wir ha­ben kei­ner­lei Hin­weis dar­auf, wor­auf Con­stan­ce da­mit hin­aus­woll­te oder was es für sie be­deu­tet hat.«

»Na ja, dann macht eben doch Che­ryl den Ar­ti­kel«, warf Pe­te ein und überrum­pel­te da­mit al­le. »Sie wird es schon her­aus­fin­den.« Er klapp­te sei­nen Ak­ten­ord­ner zu und rich­te­te sich auf. »Bei al­lem Re­spekt– ich glau­be wir­k­lich, dass Kit­ty es ma­chen soll­te«, wi­der­sprach Bob.

»Aber sie hat doch ge­ra­de selbst ge­sagt, dass sie Zwei­fel hat, ob sie es schafft.«

»Sie braucht nur ein bis­schen Er­mu­ti­gung, Pe­te«, mein­te Bob, nun schon ein bis­schen be­stimm­ter. »Es ist ja auch ei­ne ziem­lich ein­schüch­t­ern­de Auf­ga­be.«

»Na gut«, lenk­te Pe­te un­ver­mit­telt ein. »Wir ha­ben zwei Wo­chen, bis wir in Druck ge­hen. Du hältst mich auf dem Lau­fen­den, Kit­ty, ich hät­te gern je­den Tag ein Feed­back von dir.«

»Je­den Tag?«, frag­te sie ver­wun­dert.

»Japp«, ant­wor­te­te er nur, pack­te sei­ne Sa­chen und mach­te sich auf den Weg in Con­stan­ces Büro, das jetzt sei­nes war.

In die­sem Mo­ment wuss­te Kit­ty, dass ih­re TV-Su­s­pen­die­rung, die Sch­mie­re­rei­en an ih­rer Woh­nungs­tür, das Schei­tern ih­rer Be­zie­hung und der ver­lo­re­ne Pro­zess erst der An­fang wa­ren und dass die wir­k­lich gra­vie­ren­den Aus­wir­kun­gen ih­res Feh­lers noch vor ihr la­gen.

 

Cecelia Ahern - Hundert Namen

Cecelia Ahern - Hundert Namen

Teil 6 - Hören



Cecelia Ahern - Hundert Namen

Cecelia Ahern - Hundert Namen

Teil 7 - Lesen

In der Nacht vor Bir­dies Aus­flug konn­te Kit­ty nicht schla­fen, ja, nicht ein­mal die Au­gen sch­lie­ßen. Was, wenn es ein Feh­ler ge­we­sen war, die Men­schen von der Lis­te ein­fach zu­sam­men­zu­wer­fen, was, wenn ihr An­satz falsch war und da­mit auch ihr gan­zer Ak­ti­ons­plan? Sie hat­te ei­ne Verpf­lich­tung nicht nur Con­stan­ce, son­dern auch Bob ge­gen­über, sie muss­te es rich­tig ma­chen.

 

Der Plan war, dass Kit­ty Bir­die mit dem Ta­xi am Al­ten­heim ab­ho­len soll­te. Nun war­te­ten Bir­die und Kit­ty et­was ner­vös im Old­town Ca­fé auf Mol­ly und den Bus, bei­de in Sor­ge, dass Ber­na­det­te ih­ren Plan doch noch durch­k­reu­zen könn­te.

»Wie fühlst du dich?«, frag­te Kit­ty.

»Was den Bus an­geht?«, frag­te Bir­die zu­rück.

»Nein, mit dem Aus­flug.« Kit­ty lächel­te. »Mit dem Nach­hau­se­kom­men.«

Bir­die seufz­te lang und tief, und Kit­ty konn­te nicht be­ur­tei­len, ob es ein zu­frie­de­nes Seuf­zen oder ein be­sorg­tes oder vi­el­leicht ei­ne Mi­schung aus bei­dem war.

»Ich bin auf­ge­regt, das schon. Seit ich nach Du­b­lin ge­zo­gen bin, war ich nur ein ein­zi­ges Mal dort, zur Be­er­di­gung mei­nes Va­ters, und das ist vier­zig Jah­re her. Un­ser Aus­flug jetzt hat mich nach­denk­lich ge­macht. Wir­k­lich selt­sam, dass ich al­lein bei dem Ge­dan­ken, zu­rück­zu­fah­ren, gleich so in Er­in­ne­run­gen ver­sin­ke …« Sie ver­s­tumm­te, als wür­de sie sich wie­der im Netz der Ge­dan­ken an ver­gan­ge­ne Zei­ten ver­lie­ren. »Es gibt so vie­les, woran ich mich er­in­ne­re und was ich zwi­schen­zeit­lich völ­lig ver­ges­sen hat­te.d«

»Ist es denn auch wir­k­lich okay für dich, wenn ich die an­de­ren auf den Aus­flug mit­neh­me? Ich weiß, es ist ei­ne sehr per­sön­li­che An­ge­le­gen­heit für dich.«

»Kit­ty, ich bin sehr glück­lich, die­se Men­schen ken­nen­zu­ler­nen«, lächel­te Bir­die. »Es in­ter­es­siert mich, wer au­ßer mir sonst noch auf der Lis­te stand.«

»In­ter­es­sie­ren ist auch ein Wort da­für.« Kit­ty lach­te ner­vös.

»Du hast es her­aus­ge­fun­den, stimmt’s?«, frag­te Bir­die. »Was es ist, das uns al­le mit­ein­an­der ver­bin­det.«

»Ja«, ant­wor­te­te Kit­ty. »Ich glau­be schon.«

 

Hat Dir die Leseprobe gefallen?

Dann verknüpfe Cecelia Aherns ›Hundert Namen‹ mit den passenden Bildern im Buch-Styler.



Mit dem Buch-Styler von ›She’s Got The Book‹ kann man mit al­len Sin­nen in die Buch­welt ein­tau­chen! Statt um Tex­te, geht’s um stim­mungs­vol­le Bil­der: wer Bücher emp­feh­len will, kann das Buch mit Bil­dern, die zur Stim­mung des Bu­ches pas­sen, ver­knüp­fen. Über die­se Bil­der kann man auch nach neu­en Büchern su­chen.

 

Zum Buch-Styler

 

Impressum

Impressum

S. Fischer Verlag GmbH
Hedderichstraße 114
60596 Frankfurt am Main

Telefon (+49) (0) 69/6062-0
Fax (+49) (0) 69/6062-319
Email: erlebnisbuch@fischerverlage.de

Geschäftsführer: Monika Schoeller, Dr. Jörg Bong, Michael Justus, Dr. Uwe Rosenfeld
Handelsregister Auszug: HRB 10372
Umsatz.Identifikationsnummer: DE 811175682
© S. Fischer Verlag GmbH Frankfurt / Main 2012